Samsikatze

Lieblingsgedichte

 

* 7. 2. 1802 Wien, † 16. 11. 1866

 

Das Erkennen



von  Johann Nepomuk Vogl




E
in Wanderbursch mit dem Stab in der Hand

Kommt wieder heim aus dem fremden Land.

Sein Haar ist bestäubt, sein Antlitz verbrannt,

Von wem wird der Bursch' wohl zuerst erkannt?





So tritt er ins Städtchen durchs alte Tor,

Am Schlagbaum lehnt just der Zöllner davor.

Der Zöllner, der war ihm ein lieber Freund,

Oft hatte der Becher die beiden vereint.





Doch sieh - Freund Zollmann kennt ihn nicht,

Zu sehr hat die Sonn' ihm verbrannt das Gesicht;

Und weiter wandert nach kurzem Gruß

Der Bursche und schüttelt den Staub vom Fuß.





Da schaut aus dem Fenster sein Schätzel fromm,

"Du blühende Jungfrau, viel schönen Willkomm!"

Doch sieh - auch das Mägdlein erkennt ihn nicht,

Die Sonn' hat zu sehr ihm verbrannt das Gesicht.





Und weiter geht er die Straße entlang,

Ein  Tränlein hängt ihm an der braunen Wang.

Da wankt von dem Kirchsteig sein Mütterchen her,

"Gott grüß euch!" so spricht er,  Und sonst nichts mehr.





Doch sieh - das Mütterchen schluchzet vor Lust;

"Mein Sohn!" und sinkt an des Burschen Brust.

Wie sehr auch die Sonne sein Antlitz verbrannt,

Das Mutteraug' hat ihn doch gleich erkannt.


 


    Der Halligmatrose
                                                              
von
Hermann Allmers
(1821-1902) 



Kapitän, ich bitt´ euch, laßt mich fort,

O lasset mich frei, sonst lauf ich von Bord,

Ich muß heim, muß heim nach der Hallig!

Schon sind vergangen drei ganze Jahr,

Daß ich stets zu Schiff, daß ich dort nicht war,

Auf der Hallig, der lieben Hallig.



Nein, Jasper, nein, das sag´ ich dir,

Noch diese Reise machst du mit mir,

Dann darfst du gehn nach der Hallig.

Doch sage mir, Jasper, was willst du dort?

Es ist ein so öder, armseliger Ort,

Die kleine, einsame Hallig. 
  



Ach, mein Kapitän, dort ist´s wohl gut,

Und an keinem Ort wird mir so zumut,

So wohl als auf der Hallig;

Und mein Weib hat um mich manch traurige Nacht,

Hab´ so lang nicht gesehn, wie mein Kind mir gelacht

Und Haus und Hof auf der Hallig. 
  



So höre denn, Jasper, was ich dir sag´:

Es ist gekommen ein böser Tag,

Ein böser Tag für die Hallig;

Auch die Schafe und Lämmer sind fortgespült,

Auch dein Haus ist fort, deine Wurt zerwühlt;

Was wolltest du tun auf der Hallig? 
  



Doch sollst du nicht hin, vorbei ist die Not,

Dein Weib ist tot, und dein Kind ist tot,

Ertrunken beid´ auf der Hallig.

Auch die Schafe und Lämmer sind fortgespült,

Auch dein Haus ist fort, deine Wurt zerwühlt;

Was wolltest du tun auf der Hallig? 
  



Ach Gott, Kapitän, ist das geschehn!

Alles soll ich nicht wiedersehn,

Was lieb mir war auf der Hallig?

Und ihr fragt mich noch, was ich dort will tun?

Will sterben und im Grase ruhn

Auf der Hallig, der lieben Hallig. 
 


                                                           




Mit zwei Worten

von   Conrad Ferdinand Meyer




* 11. Oktober 1825 Zürich, † 28. November 1898




Am Gestade Palästinas, auf und nieder, Tag um Tag,

"London?" frug die Sarazenin, wo ein Schiff vor Anker lag.

"London!" bat sie lang vergebens, nimmer müde, nimmer zag,

Bis zuletzt an Bord sie brachte eines Bootes Ruderschlag.



Sie betrat das Deck des Seglers und ihr wurde nicht gewehrt.

Meer und Himmel. "London?" frug sie, von der Heimat abgekehrt,

Suchte blickte, durch des Schiffers ausgestreckte Hand belehrt,

Nach den Küsten, wo die Sonne sich in Abendglut verzehrt ...



"Gilbert?" fragt die Sarazenin im Gedräng der grossen Stadt,

Und die Menge lacht und spottet, bis sie dann Erbarmen hat.

"Tausend Gilbert gibts in London!" Doch sie sucht und wird nicht matt.

"Labe dich mit Trank und Speise!" Doch sie wird von Tränen satt.



"Gilbert!" "Nichts als Gilbert? Weißt du keine andern Worte? Nein?"

"Gilbert!" ... "Hört, das wird der weiland Pilger Gilbert Becket sein -

Den gebräunt in Sklavenketten glüher Wüste Sonnenschein

Dem die Bande löste heimlich eines Emirs Töchterlein -"



"Pilgrim Gilbert Becket!" dröhnt es, braust es längs der Themse Strand.

Sieh, da kommt er ihr entgegen, von des Volkes Mund genannt,

Über seine Schwelle führt er, die das Ziel der Reise fand.

Liebe wandert mit zwei Worten gläubig über Meer und Land.


 
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